Peter Stamm ist ein Mensch mit ernstem Blick aus Scherzingen, Kreuzlingen, Thurgau, Schweiz, 47° 38′ 0.01″ N, 9° 14′ 0.01″ E. Peter Stamm ist noch nie in der ersten Klasse geflogen. Er streichelt den Zeigefinger seiner Sitznachbarin. Lupita Nyong’o ist eine international gefeierte Schauspielerin, geboren in Mexiko-Stadt, México D.F., Mexiko, ungefähr bei 19° 26′ N 99° 8′ W, denn Mexiko-Stadt ist sehr groß. Lupita Nyong’o muss sehr reich sein, hatte Peter Stamm gedacht, als er sie vor zwei Elefanten und dem Logo irgendeiner Umweltorganisation ihre Reden halten sah. Peter Stamm stolperte durch eine aussichtslosen Recherchereise und Lupita Nyong’os letzter Termin war der gegen Wilderei. Eine Herzensangelegenheit. Nun folgt eine zweiwöchige Anomalie in dem von meinem Agenten geführten Terminkalender. Das erwähnte Lupita Nyong’o relativ früh beim Abendessen im chinesischen Restaurant, den Peter Stamm ehrlich und Lupita Nyong’o authentisch nannte. In jedem ostafrikanischen Dorf gibt es ein chinesisches Restaurant betrieben von Bauarbeitern der chinesischen Infrastrukturmaßnahmen, die dort hängengeblieben waren, erzählte Lupita Nyong’o und kaute auf einem weißen Schweinsohr. Peter Stamm erniedrigte sich in einer Balance tragischer Absurdität und diesem Rest Selbstachtung, wie nur er das konnte. Also, es lief gut: Sie schliefen miteinander. Peter Stamm fand es verrückt, Lupita Nyong’o fand es ernst, beide waren mehr als zufrieden. „Kann ich dir noch Winterthur zeigen?“, fragte Peter Stamm in ihrem Zimmer einer internationalen Hotelkette. Und suchte flehend den Blick von Lupita Nyong’o, die ihren nackten Körper durch die gestärkte Bettwäsche wühlte. Zwei Wochen, dachte Lupita Nyong’o: Vierzehn Tage. Peter Stamm dachte: Scheinbar benutzen alle Hotelketten der Welt das gleiche Waschmittel. Und dann korrigierte er sich, wie so oft: Ein unorigineller Gedanke. Beim Einschlafen dachte Peter Stamm über das Konzept Hollywood nach, bald übernahmen Kakteen und Fruchtfliegen sein Bewusstsein. Im klimatisierten Flughafen, am nächsten Tag, plötzliche Vertrautheit, sagte Lupita Nyong’o: Ich gönne mir wenig Luxus, aber den. Und sie zog aus dem handgenähten Lederetui ihre schwarzen Kreditkarte, die Peter Stamm unwahrscheinlich dick vorkam und upgradete die von Peter Stamm gebuchten Sitze für das neunfache des Flugpreises in die erste Klasse. Da sitzen sie, die beiden und fliegen über das Mittelmeer, den Graben, den Kriegsschauplatz, ungefähr bei 35°15'35.9"N 17°16'48.8"E, essen Schwarzbrot mit Edamer dazu Shiraz, in dem Qatar Airways Flug 469 von Nairobi nach Zürich. Peter Stamm sagt: Man könnte das Mittelmeer trockenlegen. Die Straße von Gibraltar schließen. Und es dann besiedeln, eine afro-europäische Planstadt. Den Berg hinauf nach Italien. Venedig, um seinen Charakter zu erhalten mit einem Damm umgeben, Alantropa, so könnte es heißen. Lupita Nyong’o grinst und denkt: Zwei Wochen. Aber da regt sich was in ihr, sie weiß noch nicht, was es ist. Lupita Nyong’o und Peter Stamm blicken auf die Europäisch-Afrikanischen Kartenausschnitt auf dem Display vor ihnen. Lupita Nyong’o weiß dass Alantropa nicht die Idee Peter Stamms, sondern das Lebenswerk des Geopolitkers Hermann Sörgel ist, aber sie sagt gar nichts. Sie blickt auf das überdimensionierte Flugzeug und sein zackiges Fortkommen auf dem Display. Lupita Nyong’o blickt aus dem Fenster, aber sie sieht unter sich nur Wolken. Lupita Nyong’o und Peter Stamm denken: Wie klein dieses unheilvolle Mittelmeer ist. Und beide denken: Eigentlich. Aber auch das sprechen sie nicht aus, sie kennen sich ja kaum. Sie werden es nie voneinander wissen. Kein Meer der Welt beherbergt mehr Tote. Es ist ihre Heimat, schreibt Peter Stamm nur für ihn leserlich in sein Notizbuch. Sie sagt: Gibt es deine Bücher eigentlich auf englisch? Peter Stamm sagt: Klar. In Winterthur kannst du eins lesen. Auf der LeCorbusier-Liege. War er nicht Faschist?, sagt Lupita Nyong’o. Ja, doch… ein Schweizer Faschist., sagt Peter Stamm, der verschämt auf dem Display im Vordersitz tippt. Was sie wohl denkt? Lupita Nyong’o denkt an zwei Wochen und schläft ein. Peter Stamm skippt in Black Panther und schaut sich die Szenen mit Lupita Nyong’o an. Lupita Nyong’o wird von Turbulenzen geweckt. Peter Stamm versucht Lupita Nyong’o das Konzept des deutschen Denkmalschutzes darzustellen. Er erzählt von diesem senilen, deutschen Minister für Heimat, dessen Name ihm nicht einfällt. Ungläubig lauscht Lupita Nyong’o. Peter Stamm leitet sich irgendwie über in den Religionshistoriker Mircea Eliade, den er immer und immer wieder liest und aus dem die Hälfte seiner Romane abgeschrieben sind. Dass Eliade mit den rumänischen Faschisten der eisernen Garde sympathisiert hat, verschweigt er. Er spricht melancholisch über die zirkuläre Zeit. Er weiß, das kann er. Lupita Nyong’o versteht es, glaubt seine Poetik etwas greifen zu können. Aber sie denkt auch: Wie kann man nur so unpolitisch sein? Sie sagt nichts. Zwei Wochen minus ein Tag. … und er wohnte und arbeitete in einem diese Bukarester Apartmenthäuser, man glaubt es nicht, diese Stadt ist ein einsamer Kosmos. Die Zeit in Bukarest ist eine andere., sagt Peter Stamm und: Irgendwann musst du mal dahin. Ich war schon mal da., sagt Lupita Nyong’o: Ich war 16 und mein Vater war mit einer Delegation dorthin eingeladen. Ich musste eben schon daran denken. Ich stand also in dem dunklen Eingangsbereich, mein kleiner Bruder war zwischen den Ausziehkästen der Edelsteinsammlung verschwunden, außer den rumänischen Wärtern, denen die Schuld der Diktatur ins Gesicht und in die Hände gewachsen war, niemand sonst. Ich ging die Treppe hinauf, eine aus feuchtem Marmor und meine Schritte hallten. Auf dem Treppenabsatz stand ein großer, riesiger Globus aus einem mir unbekannten Plastik. Als erstes fiel mir die immense Größe Afrikas auf, die auf der Kugeldarstellung sichtbar wird, im Gegensatz zu der flachen Projektion, in der Kontient immer kleiner erscheint. Den Globus, bemerkte ich dann wie ich näher kam, hatte man mit einem Oberflächenrelief versehen, einer 3D-Fläche sozusagen, der Himalaya brach riesig hinaus, zerklüftetes Sierra Nevada, und auch das Meer und seine Gräben zeigten ihre Höhen und Tiefen. Was mir da blitzartig klar wurde, war, dass die Kontinente und Inseln die aus dem Wasser ragenden Teile riesiger, unterwassernen Berge waren. Die Länder und Kontinente waren, verstand ich, verbunden, Pfützen, größere und kleinere trennten uns nur. Und ich musste noch irgendwie an Atlantis denken und dann liefen mir die Tränen über die Wangen, ich schluchzte nicht, es war die Angst der unheimlichen Erkenntnis, sie strömten nur so aus mir hinaus, nichts äußerliches regte sich, nur schossen mir die Tränen über das Gesicht. Und ich hatte Gänsehaut. Eine Gänsehaut der Angst, die mich auspresste wie eine Zitrone. An die Quastenflosser musste ich denken, die aus dieser Welt, Bergspitzen erklommen, nicht einfach auf Land stiegen. Ich war entwurzelt. Viel später erst wurde mir klar, dass sich selbst zu entwurzeln eine Errungenschaft war. Andere zu entwurzeln, das ist das größte Verbrechen. Das war der Moment als mich eine letzte Gebundenheit verließ. Und im Endeffekt war es dieser Tag, der mich nach Hollywood brachte, dort wo niemand hingehört. Das ist die Stärke von Los Angeles, sein unnachgiebiger, steiniger Boden. Peter Stamm verstand und verstand nicht. Er schaute um sich als sei ihm ein Zaubertrick vorgeführt worden. Peter Stamm sagt: Unterwegs muss man sein. Wie wir. Er hustet. Der Shiraz. Lupita Nyong’o nimmt seine Hand. Lupita Nyong’o sagt: Ich freue mich auf Winterthur. Und ihr fällt in diesem Moment erst wieder ein, dass Winterthur gar nicht in Deutschland liegt, sondern in der Schweiz. Eine Heimat haben nur die Toten, denkt Lupita Nyong’o, alles andere ist eine Illusion. Peter Stamm imaginiert, wie er mit Lupita Nyong’o im Garten steht und jeden Heimatroman aus seiner Bibliothek in den lodernden Feuerkorb wirft. Danach würden sie miteinander schlafen. Als das Flugzeug im Landeanflug gleitet, denkt Peter Stamm: Ich sollte, nein, ich werde die Corbusier-Couch verkaufen. Vielleicht hab ich den Bandscheibenvorfall auch von ihr, dem ausgeleierten Ding. Für Lupita Nyong’o würde ich vielleicht alles tun, denkt Peter Stamm. Dann denkt er: Die erste Klasse ist unwahrscheinlich luxuriös. 14 Tage, denkt er. Lupita Nyong’o denkt daran, wie sie miteinander schlafen werden, sie hat keine Ahnung, wie es in Winterthur ist. Sie googelt: unusual things to do in switzerland. Der erste Vorschlag ist die death dance bridge, Lupita Nyong’o zeigt das Bild Peter Stamm, der durch 12 Years a Slave skippt. 
Die Spreuerbrücke, sagt Peter Stamm, auf ihr die größte erhaltene Totentanz-Darstellung. Lupita Nyong’o sagt: Hier steht: Text und Bilder des luzerner Danse Macabre will darstellen, dass es keinen Ort in der Stadt gibt, kein Land und kein Meer, wo der Tod nicht präsent ist. Es ist nicht weit, bei mir in der Nähe, sagt Peter Stamm. Lupita Nyong’o blickt auf das Satellitenbild vor ihr und sagt: Bald haben wir es geschafft. Lupita Nyong’o ist fünfunddreißig Jahre alt. Die Schweiz ist 727 Jahre alt. Vor 150 Millionen Jahre schloss das Leben seine Erkundung von Wasser, Land und Himmel auf der Erde ab. Peter Stamm blickt auf seinen Unterarm.

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