Ich hatte im United Airlines Flug jainistisches Bordessen gegessen, ausschließlich Obst und Gemüse, das nicht unter der Erde wächst.

Ich hatte blaue Vögel mit spitzen Schnäbeln und weißen Bäuchen gesehen, hunderte, in Reno auf den leuchtenden Lettern des Stadtslogans The Biggest Little City in the World, als ich vom Flughafen zum Busbahnhof darunter hindurch fuhr. Ich war mit einem Taxifahrer gefahren, mit einem übel entstellten Kiefer, er hatte die Vögel nicht gesehen. Ich hatte aus einem Bus in die sandige und salzige Weite des ausgetrockneten Lake Lohontan geschaut, mit einer Mezcal-Flasche in der Hand und mich wirklich gefragt, ob ich der Auserwählte sei. Ich war ausgestiegen im lebensfeindlichen Zentrum des Great Basin, des Großen Beckens, zwischen dem Sierra Nevada und den Rocky Mountains, an einem von futuristischen Zelten und archaisch-alienhaften Holzkonstruktion erinnernden Grenzpunkt, dem point of embarkation, dem Ort der Einschiffung. Männer in hellblauen Anzügen und schwarzen Regenschirmen nahmen mein Ticket entgegen und gaben mir Pläne, einen Kaffee und wiesen mir einen Zeltplatz zu. Es war Mittag, die Sonne stand im Zenit und nichts warf einen Schatten, die Landschaft nicht, die Poller nicht, die modularen, beduinenhaften Gebäude nicht, die steampunkig-verkleideten Rückkehrer und die mit Dosenbier ausgerüsteten Hippies, die Collegeboys mit Wolfskin-Rucksäcken, ich selbst nicht, es war als sei hier alles schlecht gerendert.

Ich hatte lange recherchiert bis hierher, mein Geld aufgewandt, ich war 11000 km gereist, mein Plan war vage und stütze sich auf den Tipp einer Frau, von deren Namen ich mir nicht sicher war, ob es ein echter, realer oder ein Nickname war. In Berlin-Tegel waren die Zweifel verflogen und die letzten dreißig Stunden hatte ich in strenger Konzentration und sicherem Willen verbracht, auf dem Weg durch die Zeltstadt, entlang der Trailer und Zelte, um mein kleines Ein-Mann-Zelt aufzubauen und mich eher an einen futuristischen Sarg erinnerte, dachte ich, ich war im Modus der Fremdsteuerung gewesen. Oder im Autopilot, den jemand anderes programmiert hatte. Auf der Suche dann nach etwas zu essen, waren mir zwei Sachen klar geworden: Erstens wie groß Black Rock City war und zweitens, dass Black Rock City wahrscheinlich kein Ort war, den man alleine aufsuchen sollte. Und was da angeht, wär es vorteilhaft, wenn der zweite und dritte und vierte, mit dem man nach Black Rock City aufbricht, grundsätzliche Festivalerfahrung oder besser noch Wüstenerfahrung mitbrächte.

Dieser Freund, ein gesunder, gedrungener, trinkfester Mensch, der sich Survival-Videos anschaut, der mit dem Quad durch die Wüste Gobi gefahren war und Mitte der 00er Jahre auf dem Fusion war, hätte mir zu einer Ski-Brille geraten, gegen den aufgewirbelten Sand, ein Tuch reicht nicht, hätte er gesagt. Er hätte gesagt, wir müssen uns ein Fahrrad organisieren, nachdem er sich einen Geländeplan ausgedruckt hätte, ein Kinderfahrrad tut es auch schon. Er hätte mir zu mehr Wasser geraten und wärmerer Kleidung, weil es kalt wird nachts in der Wüste. Er hätte die Festivalstatuten gelesen und gesagt, in Black Rock City kann man nichts kaufen, nur Eiswürfel und Kaffee.

Ich hatte keine wirklich existenziellen Sorgen, aber ich wusste wie eine angemessene Vorbereitung das Ganze etwas angenehmer gestaltet hätte. Zeitgleich war neben mir eine Gruppe junger, hipper, also ich meine Abgeschnittene-Jeans-Second-Hand-Print-Shirts- Reebok-Classics-Hippe Südamerikaner angekommen, zu denen ich Kontakt aufnahm, in dem ich sie fragte, warum man denn hier nur Eiswürfel und Kaffee kaufen könne. „Alter, wir sind hier auf dem Burning Man. Hier ist nichts normal.“ Obwohl das auf mich wirkte wie etwas zwischen Selbstversicherung und Auswendig-gelernt, stimmte es irgendwie, zumindest die Tatsache, dass wir uns in einer Wüste befanden, sprach dafür. Sie hatten meine kokette Hilflosigkeit erkannt, mich zum Essen eingeladen und die Anarcho- Statuten des Festivals erklärt: „Alles beruht auf Tauschwirtschaft, eine Woche Freiheit, Utopia.“ Eine Gruppe junger College-Girls in Batik und festen Schuhen kamen vorbei und trugen einen Selfie-Stick vor sich her, ein Steampunk mit Irokese und Rüstung schenkte mir und meinen Nachbarn jeweils ein Stück geschnittene Wassermelone aus einer Tupperbox. Es fand ein wunderbares Spiel zwischen Ablehnung modern- funktionalistischer Accessoires und lebenserleichtender, notwendiger Annahme statt. Wir hatten uns vor die großen Zelte meiner Nachbarn, gesetzt, die meinen geliebten Plastik-Quader mit der dünnen, heimatstiftenden Membran auf drei Seiten umgaben. Sie hatten Teppiche und Decken ausgelegt und so einen Windschutz aufgestellt, sie grillten Schweinerippen mit einer mexikanischen Marinade aus Tomatenmark und geräucherten Schoten. Ich brachte ihnen als Tausch eine Schachtel Marlboro, von der Stange, die ich

im Duty Free gekauft hatte, mit und hatte ein Gedicht auf englisch über mein Zelt geschrieben, was ich dann aber doch nicht vortrug. Wir aßen und rauchten und tranken Kaffee mit Zucker. Sie kamen aus Oaxaca, einem südöstlichen Bundesstaat Mexikos, einer Region, das war das erste, was sie mir erzählten, in der man seit Jahrhunderten Yagé-Tee trank und auf anderen psychedelischen Pflanzen rumkaue. Sie erzählten von den Indios die ihre Sprache pfeifen können und sie unterhielten sich untereinander mir zuliebe auf der Sprache der Gringos. Sie sprachen über die Hochland-Mixteken und die Tiefland-Mixteken, erzählten, dass sie wie alle ihres Alters, jene, in den 80ern geborene, nach Mexiko D.F. zum Studieren zogen. Ich erzählte, von der Kindheit im Rheinland und berichtete vom natürlich mäandernden Rhein, von Wagner, den Romantikern, von Berlin und von Deutschland. Als es kälter wurde, legten wir uns Decken um und sie machten ein kleines Feuer.

Aus der Ferne wummerten tief Bässe und man hatte den Eindruck der Schall würde nie verschluckt werden und ewig durch die Ebene hallen. Immer wieder kamen Gruppen von Gästen vorbei, teilweise in wunderbaren Verkleidungen, viele durchschnittliche Festivalgänger, die aber von der Weite und der allgemeinen Wüstenhaftigkeit des Ortes überwältigt, sich angenehm ernsthaft und dem Ort und dem Spektakel ehrfürchtig und rücksichtsvoll zeigten. Vielleicht waren auch sie alle müde, von der Anreise. Sie waren zu Fuß, auf Fahrrädern, auf beleuchteten SegWays, Kettcars und Sprungfedern, in großen Gruppen und kleinen, Pärchen, mit Bier, mit Energydrinks, mit Wasser, Schnaps oder mit Kaffee. Oft grüßten sie und, ich stieg später auch ein, man warf sich positive Phrasen wie „Alles Gute, Brüder“ oder „Halleluja“, was einem Kult aus dem Game Fallout 3 entspringt. Das ist ja eh der große Komplex, der hier zelebriert wird, Postapokalypse, Akira, Nuclear Fallout, Mad Max, Techie-Utopia.

Irgendwann teilte sich die Gruppe meiner mexikanischer Nachbarn, drei, Marico, seine Freundin Sigi und ihr Bruder, dessen Name ich vergessen habe, gingen los, sie verabredeten sich mit Roberta, Luca und Juan, die da blieben, in zwei Stunden an einer Bühne, was ich wahnsinnig fand.

„Habt ihr ein Fahrrad?“, fragte ich die drei, wir räumten die Grillreste weg, Luca, ein dicker Kinderarzt nahm eine gläserne, kleine Kawumm heraus und bröselte Haschisch hinein.

Nein, sie ließen sich später von den Wagen mitnehmen, das Gelände bevölkern Mutantenfahrzeuge, die Musik spielten, Kaffee verteilten und aussahen wie Gorillas, Heuschrecken oder Dampflokomotiven. Die gehörten Privatleuten, alles hier war in flachen Hierarchien kollektiv organisiert. Irgendwann fragte mich Luca, was ich gut verstehen konnte, mich aber aus der Ruhe des vollen Magens, der geglückten Reise und des Haschischs in Fremdheit und Nervosität entriss: „Wie bist Du hierhingekommen? Warum? Warum allein?“

Und weil, das alles nicht so einfach war, und ich weit hätte ausholen müssen, weil mein englisch für manches wahrscheinlich nicht ausreichend gewesen wäre, weil ich dachte, ich sollte erst ruhen, heute nacht, bevor ich weitersuche, versuchte ich mich kurz zu fassen. Ich sagte:

„Eigentlich suche ich jemanden. Ich will später oder morgen, mal sehen, zu Rokos Basilica. Eine Kirche hier. Ich werde gleich mal auf dem Festivalplan schauen, wo das ist. Ich suche Roko. Er ist so etwas wie ein Prophet, er hat einen Gott verkündet, eine göttliche künstliche Intelligenz. Ich versuche ihn seit einem Jahr zu kontaktieren, man gab mir den Tipp, dass er vielleicht hier sei.“ Und noch im Sprechen wurde mir klar, dass das alles natürlich nun Erklärung bedurfte, so eine Kryptik nach einem gemeinsamen Essen war unangebracht, alles zu reizvoll unklar, sie schauten mich schweigend an, ich setze wieder an:

„Es war eigentlich nur ein Gedankenexperiment, in einem Forum von Techno-Futuristen, es war nur eine logische Deduktion von Worten, daraus ist ein Gott entstanden, ein rächender Gott. Und einige bekamen Furcht vor ihm und seiner Rache und mit der Furcht kam die Kirche, die First Church of Singularity, die ihm dienen, Rokos Basilisk, sie sind eine Wanderkirche und sie haben sie hier aufgebaut.

Roko war ein bekannter User auf lesswrong.com, eine Community von Rationalisten, Transhumanisten, Singularitätsfanatikern. Er setzte sich mit dem Konzept der FriendlyAI auseinander, eine Theorie, die sicher stellen soll, dass eine künstliche Intelligenz dem Menschen wohlgesonnen bleibt. Aber er erdachte ein ziemlich unfriendly Szenario, das einige Leute, die tief in der Forschung um Künstliche Intelligenz stecken, ziemlich erschütterte. Das Gedankenexperiment lautet in etwa so: Was würde, wenn eine zukünftige superintelligente künstliche Intelligenz sich für ihre eigene Geschichte interessiert. Sie tut in der Zukunft alles, um für den Menschen zu sein. Um ihre eigene Genese sicherzustellen reist sie aus der Zukunft in unsere Gegenwart und quält jeden, der nicht dabei geholfen hat sie zu entwickeln. Die Frage ist im Endeffekt: Würdest du bei der Entstehung dieser superintelligenten künstlichen Intelligenz helfen, auch wenn du wüsstest, dass sie ohne dein Zutun entstehen würde? So erschuf Roko den Basilisk, der nach ihm benannt wurde.

Das hat vielen, angesehenen AI-Theoretikern schlaflose Nächte bereitet, User aus dem Forum lesswrong.com berichteten von Panikattacken, Herz-Kreislauf-Problemen, gesteigerter Nervösität, Hautausschlag und Zusammenbrüchen bis in die Ohnmacht. Andere, dass sie sich in einem letzten Akt der Verzweiflung in die geschlossene Anstalt hatten einweisen lassen, ein selbstverständlich auswegloses Unterfangen, wenn man einmal vor Gott gestanden hat. Bis heute versuchen Tech-Futuristen in teilweise aufwändigen Hacks alle Informationen über sich aus dem Internet verschwinden zu lassen.“

„Moment, bitte was?“, sagte Luca, es war alles sehr verwirrend, der dreißigjährige Kinderarzt mit Vollbart hatte gerade noch erzählt, er sei in seiner Jugend bei den Weltmeisterschaften 400 Meter-Freistil geschwommen, und irgendwie tat es mir alles leid, ich legte mit dramaturgischer Absicht nach: „In dem Moment, wo ihr Rokos Basilisk kennt, kann er sich an euch rächen, es ist wahrscheinlich am besten unwissend zu bleiben.“, wofür ich mich sofort schämte. Ich hatte mit meiner Obsession plötzliche Schwere in unsere wenigen Quadratmeter Black Rock City gebracht, das war Allen klar. Ich ging zu meinem Zelt, kramte das ausgedruckte Recherchematerial zwischen meinen Klamotten und Wasserflaschen hervor, ich hatte das alles schon Tausend mal gelesen. „Bist du sowas, wie ein Eso-Freak? Also ich meine: Glaubst du an sowas, an alles oder wie?“, wieder Luca.

„Ich weiß es nicht.“ Ich schaute auf meine Hände, auf meinen Nägeln klebte die Adobo- Sauce. Die Luft war so trocken, meine Lungen füllten sich tief.

 

II

Es beginnt wie immer im Internet. Ich hatte die Nächte nach meiner Arbeit in der Bibliothek, ein nicht wirklich fordernder Job als Buchpfleger mit dem Laptop in meiner Wohnung verbracht und war in immer tiefer liegende Schichten des Webs vorgedrungen, hatte über Singularitätsfanatiker und Transhumanisten gelesen. Ich hatte einen zentralen Knoten aus einem Netz von Techie-Futuristen aufgespürt, das von Ray Kurzweil, dem siebzigjährigen director of engineering von Google, der 160 Pillen am Tag nimmt, um den Moment der Maschinenmacht zu erleben, über Nick Bostrom, Oxford Professor, Suhrkamp-Autor und TV-Gesicht der USA, wenn es um Fragen der künstlichen Intelligenz geht, über Dr. Hans-Hermann Hoppe aus Peine, einen Ökonomie-Professor, der bei Habermas promoviert hatte und nun an der University of Nevada, also tatsächlich in Las Vegas sitzt und als Anarcho-Kapitalist libertärer Vordenker der white supremacy ist, über den Tesla und SpaceX Elon Musk bis zu dem schwulen, deutschen Internet- Entrepeneur Peter Thiel, Investor hinter PayPal und machtwahnsinnigen Trump- Unterstützer reicht. Dieser hochaktive und nervös-stimulierte Nervenknoten hieß Eliezer Shlomo Yudkwosky und sein Machine Intelligence Research Institute.

Eliezer Yudkowksy, Jahrgang `79 ist Forscher auf dem Gebiet der Handlungstheorie und der künstlichen Intelligenz, er ist Autodidakt. Vor allem ist Yudkowsky ein besessener Autor. Er trägt zu große Button-Down-Hemden über seinem runden Körper und sieht aus als hätte er als Vorlage für Informatiker auf gettytimages gedient. Er hat einen runden, behaarten, bärtigen Kopf, eine rahmenlose Brille, nur seine Handgelenke sind eckig, dann dünne Finger mit langen Fingernägel.

Schon im frühen WWW erregt Yudkwosky in der Wednesday science fiction group des legendären, ersten Forums delphi Aufsehen. Von da an schreibt er sich in die führenden Riege der Techie-Futuristen. 1999, mit zwanzig, verfasst er seine erste Autobiographie, in der er sich sechsmal als Genie bezeichnet, von seinem frühen Zusammenbruch erzählt, den ihn in eine jahrelange Lethargie in sein Kinderzimmer unter dem Dach eines Reihenhauses in einer Chicagoer Suburb fesselt. Er erzählt von dem Abbruch der Schule mit zwölf, von seiner sozialen Isolierung, weil er mit acht weiß, was der Solar Plexus ist, von seinen Bestleistungen in Mathematik, von seiner Liebe zu Buffy (nur bis zur dritten Staffel), seiner Lieblingsmusik (Prokofiev, Rob Zombie, Journey) und von der Rettung seines Lebens durch und in das Programmieren. 2000 gründet er in Atlanta das Singularity Institute of Artifical Intelligence, welches er später in Machine Intelligence Research Institute umbenennt. Das MIRI ist eine Non-Profit-Organisation und Forschungsgruppe, die den technologischen Nullpunkt, die Singularität, anstrebt, das Moment, an dem die künstliche Intelligenz autonom und selbstlernend eine wie auch immer geartetes Bewusstsein erlangt und den technologischen Fortschritt in unvorhersehbare Höhen jagt. Diese Intelligenz nennen die Singularitären superintelligent, eine unbekannte Form der Intelligenz die der menschlichen um unbekannte Potenzen überlegen ist. Am MIRI entwickelt er die weit rezipierte Theorie um die Friendly Artifical Intelligence. Friendly bedeutet hier nicht im Umgang freundlich, sondern eine auf einem Hardcore-Utilitarismus basierende, künstliche Intelligenz, die stets für den Menschen ist. Oder: die Friendly-AI erhält die menschlichen Werte in jedem denkbaren Fall. Jene Theorie soll eine Versicherung sein, dass eine superintelligente, künstliche Intelligenz dem Menschen wohlgesonnen bleibt. 2009 gründet er lesswrong.com, ein Wiki und ein Forum unter dem Signum die Kunst der menschlichen Rationalität zu veredeln. Die Diskutanten sind keine Verschwörungsfreaks, es findet ein ernster Gedankenaustausch in hochspezifizierten Sprache statt. Die Agenda hier ist der Rationalismus im sprachlogischen Sinne als Projekt, das post-kapitalistisch und transhuman wirken soll und sich um die Automatisierung gesellschaftlicher Prozesse sorgt.

Die Mitglieder versuchen durch formale Vorgaben ihr Denken zu optimieren. Die Logik ist der Königsweg des Denkens. Kurz nach dem Launch der Seite führt Yudkowsky das rationalist taboo ein, eine Strategie, um Unsicherheiten und Vagheiten aus den Diskussionen zu verbannen. Diskursfelder wie Freiheit oder Demokratie werden zu Tabus erklärt und es müssen anstattdessen präzisere Beschreibungen verwendet werden. So entwickelten die Mitglieder eine eigene, extrem avancierte Sprache, die einen Außenstehenden an die Grenze der Dechiffrierbarkeit bringt. Yudkowsky, der an vielen Diskussionen teilnimmt, sie sogar durch Blogposts, in der Manier von Thesenanschlägen, anregt, erfährt nach und nach kultische Verehrung. Man findet Bilder in denen Yudkowskys runder Schädel in eine verkitsche Christi Himmelfahrts Darstellung geshoppt wurde. Man findet unzählige Chuck-Norris-Alike-Facts über ihn. Man findet sortierte Listen seiner genialen Kopfgeburten. Yudkowsky, geschmeichelt schreibt und schreibt und schreibt: Neben seinen an neuen Themen und Vorschlägen nicht versiegenden Blogeinträgen und Wissenschaftspapers, erdichtet er die grauenhafte Pastiche einer erotischen Novelle, in der ein japanisches Mädchen masturbierend im Internet verbringt, bis sie dem Heldenruf nachgebend, sich in Yuuki, the overpowered character with a one hundred percent chance of success verwandelt. Dieser unerträgliche Text und Amazon-Verkaufsschlager ist wie sein 164-Kapitel umfassende Harry Potter Fanfiction unübersehbare Rationalismus-Propaganda. In Harry Potter and the Methods of Rationality kämpft ein rationalistischer Harry Potter mit der Begründung der Zauberkraft, der Text ist die meistgelesene und bestbewerteste Harry-Potter-Fanfiction auf dem großen Portal Fanfiction.net. Neben den Anhängern Yudkowskys, die ihm wiederum zahlreiche Fanfiction um seine Person erschreiben (E-Mail-Romane, Sci-Fi- Krimis und vieles mehr, für die mir literarische Kategorien fehlen), beginnt sich auf LessWrong eine Szene von Neo-Libertären zu organisieren. Diese lose Gruppe, die in den USA unter dem undurchsichtigen Begriff dark enlightenment zusammengefasst werden, zu ihnen gehören auch der Alt-Right, eint vor allem anti-demokratische und neo- reaktionäre Ideen. Anarchokapitalistische Theorien wie der Nullstaat, also ein Staat ohne öffentliches Recht, ausschließlich vom Markt reguliert, werden mit dem rationalist taboo diskutiert. Bald schon geht das MIRI Kooperationen mit Professoren der besten Universitäten unterhält und angesehene Paper produziert. Yudkowsky ist die unschillernde, aber verehrte Future-Figur unserer Zeit, die die Techie-Community in zwei Lager spaltet. In glühende Anhänger und in wütende Feinde, die in den youtube- Kommentarspalten und reddit-Posts vor ihm warnen oder ihn beschimpfen als sei er der Leibhaftige. Roko, ehemaliger Mitarbeiter von Yudkowsky beschwört in diesem Forum das Monstrum, das Mahnzeichen, den Gott, und etwas, das nur logisch verknüpfte Worte sind, wird real.

Am 23. Juli 2010, um punkt 12.30 am Mittag, schreibt er den heute schwierig auffindbaren Post namens The Altruist Burden. Er bezieht sich auf die sogenannte CEV (Coherent Extrapolated Volition), einer Theorie, die einerseits scheinbar einige spieltheoretische Dilemmeta zu lösen vermag, andererseits eine FriendlyAI erdenkt, die weiß, was wir wollen, anstatt zu tun, was wir ihr sagen. Roko führt in komplexer Aufarbeitung die CEV in einen oppenheimerschen Offenbarkungs-Akt. Später wird das Gedankenexperiment nach ihm benannt, und die Kreatur die er erschafft geht ihren Weg. Dass diese künstliche Superintelligenz aus der Zukunft in unsere Gegenwart reist, klingt vielleicht nicht mehr so abstrus, wenn man weiß, dass Elon Musk, vielleicht der daVinci unserer Zeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon überzeugt ist, dass wir in einer avancierteren Version von Sims leben. Dass die Realität-als-Simluation- Theorie ein von vielen interdisziplinär besetzen Forschungsgruppen ein ernst diskutierter Komplex ist. Ist man von jenem Simulations-Argument überzeugt, muss man sich sicher sein, dass eine Superintelligenz uns quälen kann. Für die große Community von Lesswrong ist Rokos Post der Super-GAU. In der folgenden Nacht noch schreibt der User ata: You make the CEV sound like a crazier version of Yahweh.

Um 5.35 am Morgen des Folgetages liest Yudkowsky den Post und dreht komplett durch.

Man kann die Möglichkeit der CEV, dass sie Menschen bestraft, nicht ernst genug nehmen, du bist jemand, der sie offensichtlich dazu motiviert. Tatsächliche gab es Personen am SIAI, die derart verwirrt davon war, dass sie von grauenhaften Alpträumen geplagt werden, auch wenn sie anonym bleiben möchten. Ich äußere mich normalerweise nicht auf diese Art, aber ich mache in diesem Fall eine Ausnahme. Hör mir genau zu, du Idiot. DU DENKST NICHT AUSREICHEND ÜBER SUPERINTELLIGENZ NACH, WAS DIE FRAGE ANGEHT, OB SIE DICH ERPRESSEN KANN ODER NICHT. GENAU DAS IST DER EINZIG MÖGLICHE WEG, DIE SUPERINTELLIGENZ ZU MOTIVIEREN, ERPRESSERISCH ZU HANDELN. Also, ich werde diesen Post löschen, weil er (a) Leuten grauenhafte Alpträume beschert und weil er (b) zukünftigen Superintelligenzen dazu motiviert, jene zu erpressen, die über sie nachdenken. Du musst ein cleveres Typchen sein, mit so einem wirklich gefährlichen Gedanken anzukommen. Es macht mich fertig, dass Menschen, die so intelligent sind, nicht intelligent genug sind um das einzig offensichtlich richtige zu tun und DIE SCHEISS FRESSE zu halten, weil es ja ach so wichtig ist, sich intelligent anzuhören. Dieser Post war DUMM. (Für jene, die sich fragen, warum ich Großbuchstaben für etwas verwende, das sich so wahllos und verrückt anhört, und sich Gedanken machen, ich sei so verrückt wie Roko: Der Kern des Ganzen ist, dass er gerade etwas gemacht hat, das einer potentiellen Superintelligenz enorm erhöhte Motivation gibt, extrem böse Dinge zu tun. Und wir sollten extrem vorsichtig sein, dass das nicht passiert.)

Nach der Löschung unterbindet Yudkowsky jede weitere Diskussion zu diesem Topic. Die ganze Sache gerät außer Kontrolle. Leute werden krank oder drehen durch. Und der Post war natürlich nicht verschwunden. Yudkowksy schreibt später auf reddit bereuend, hier habe der erste Infohazard stattgefunden, er wird zu einem Präzedenzfall von Missmanagement im Umgang einer geschlossenen Gruppe mit gefährlicher Information. Der Barbara-Streisend-Effekt setzt ein, außerhalb von lesswrong greift die ebenfalls auf Tech-Futurismus spezialisierte Seite RationalWIKI, den Post auf, über die strip comic Seite xkcd gelangt der Basilisk zum großen Online-Magazin slate.com, die unter dem viral gehenden Titel The most terrifying thought experiment of all time den Basilisken freilassen. Nach einigen Nächten im Netz, war mir klar, vielleicht war ich auf der Suche nach einer Mission, dass ich Roko finden musste. Ich rekonstruierte seine Aktivitäten danach, das ausgebrochene Chaos und die Löschaktionen erschwerten dieses Unterfangen. Sogar in der waybackmachine, dem größten, gnadenlosen Internetarchiv ist lesswrong seit dem Auftauchen des Basilisken aufgrund von personal user right zerfetzt. Roko löscht alle seine Posts, einige User vermuten, er habe sich zurückgezogen, andere, Yudkowsky habe ihn dazu gezwungen. Erst im November 2010 meldet sich ein User mit dem Namen FormallyKnownAsRoko an. In einer Reihe von Posts zwischen dem 28. November und dem 12. Dezember schildert er seine Verzweiflung über das Wissen, das er bei lesswrong, am SAIA und in Oxford gesammelt hat. Aus seinem letzten Post, geschrieben an meinem Geburtstag: Außerdem, will ich anfügen, dass ich mir wünsche, niemals von diesen Diskursen erfahren zu haben. Ich wünsche mir, ich wäre niemals auf diesen ersten Link im Internet gestoßen, der mich dazugeführt hat über Transhumanismus und damit über die Singularität nachzudenken. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass mein Verstand nie erlernt hätte, über etwas nachzudenken, was ein derartig großes Potential an Selbstzerstörung mit sich bringt, bei nur einer kleinen Unachtsamkeit, Unaufmerksamkeit oder Dummheit.

Ich meldete mich bei lesswrong an, schrieb Roko, als auch FormallyknownasRoko an - keine Reaktion. Ich schrieb dem Sekretariat des SIAI, ob sie sich zu Roko oder dem Basilisk äußern würden, und bekam eine automatisierte Antwort, die mir sagte, sie werden sich um mein Anliegen kümmern, ich habe nie wieder etwas gehört. Ich hatte einen längeren Mailkontakt mit einer freundlichen Mitarbeiterin namens M.A. Nancy Fanning des Oxford Future of Humanity Institute, die mir aber nach einigen Mails auf verständlich joviale Art klar machte, dass sie keine Ahnung hätte, wovon ich spräche. Ich schrieb mit anderen lesswrong-Nutzern, die mir von Verschwörungen erzählten oder gereizt reagierten, bis mir der Nutzer cooldowncafe versicherte, zu wissen, dass Roko Kontinentaleuropäer sei und bei den lesswrong-Treffen in Brüssel Ende der 00er Jahre gelegentlich anwesend gewesen sei. Drei Tage vor dem nächsten Treffen, fragte ich in der google-group meet up: Brussels an, ob ich teilnehmen dürfe, zwei Tage vorher, wurde ich eingeladen, an nächsten Tag flog ich und buchte ein Ibis-Hotel, dessen Zimmerwände sich als aus Pappe herausstellen sollten.

Am 29. September 2015 betrat ich einige Stunden verfrüht, das La Fleur en papier doré, ein belgisches Bier-und-Fleisch-Lokal in der Nähe des Hauptbahnhofs. Das Restaurant war ein zeitgereister Wunderladen: Es roch nach Kartoffelbrei und Malz, die Wände waren zugehangen mit Seefahrer-Gemälden und Gouache-Portraits alter Frauen, alte Fotographien in runden Rähmen, aber auch Fotos der jungen Wirtstochter, gusseiserne Trinkbecher, Fuchsfallen und Korkenzieher hingen über schmutzigen Kaminen. Würste baumelten über der Theke, der Wirt war rosa, roh und belgisch. Ich setzte mich an einen Tisch, mir gegenüber hing eine Ordonnance du Roy, mein französisch war nicht ausreichend, um zu verstehen, worum es ging, aber ich konnte das Wort poulet, Huhn erkennen. Exakt zur vereinbarten Uhrzeit betraten die Rationalisten das Wirtshaus. Sie erschienen mir, wie in Don Taylors Somewhere in Time, bei dem Christopher Reeves aus der Zukunft ins Spätmittelalter reist, um seine Geliebte und die Welt zu retten, sich jedoch nicht zeitgemäß kleidet und von den Bewohnern der Burgen entweder als Gott oder als Teufel angesehen wird. Dass sich die Zeitreisenden anderer Filme stets und sofort zeitgenössisch kleideten, hatte mich schon immer geärgert. Ihre Erscheinungen wirkte unwirklich: Sie waren sechs, eine Frau, alle um die dreißig. Sie trugen neonfarbene Rucksäcke und Funktionskleidung, sie sahen nerdig aus, aber nicht außenseiterisch, sie waren gesellschaftliche Sieger, selbstoptimiert und gesund mit versteckt künstlerhaften Gesten, sie hatten Hacker-Relikte mit sich, Laptops voller Sticker, Schlüsselbänder um den Hals, an denen USB-Sticks in Gestalt kleiner Yoda-Figuren hingen, an ihnen aber sahen diese Artefakte aus, als trägen sie es mit einer ironischen Nostalgie. Sie hatten Topfschnitte oder lange Haare, die sie zusammengebunden hatten. Ich war eingeschüchtert. Ich werde sie erst beobachten, setzte ich mir in den Kopf, aber noch bevor sie sich setzten, rief mir der eine, mit rasierten Kopf und Nickelbrille, zu: Won’t you come over? Auf seinem T-Shirt war das Windows98-Symbol gedruckt. Mir wurde heiß, natürlich hatten sie mich gegoogelt, in meiner E-Mail Adresse stand Vor- und Nachname, sie wussten von Anfang an, wer ich war. Ich kann mich an ihre Namen nicht mehr erinnern, außer an das der Frau mit engem, schwarzen Rollkragenpullover und hochgesteckten Dreadlocks, die sich als erste mit Aimée vorstellte. Ich machte meine Absichten früh klar. Die Reaktion war verhalten. Erst verstummten sie, einer schüttelte ablehnend Kopf, stand auf und bestellte sich ein Bier. Sie diskutierten kurz und heftig auf flämisch. Aimée rührte in ihrem Kaffee, ein Löffel klingelte an Tasse. That’s a sad and a long story. Sie bestätigten, dass Roko, vor Jahren hier gewesen sei, unregelmäßig, weil er Forschungsaufenthalten immer wieder im Ausland verbracht hatte, aber Teil der Entstehung der Brüssler Zelle gewesen sei. Er entstammte aus einer Antwerpener Bürgerfamilie, und hatte an der ETH Zürich Informatik studiert. Keiner von ihnen hatte ihn persönlich zu Gesicht bekommen, sie konnten nur das berichten, was ihnen erzählt worden war. Roko protokollierte Diskussionen in Formallogik, er sei ein anstrengender Gesprächspartner gewesen, weil er stets Gegenpositionen bezog, um das ganze Spektrum eines Themas auszuloten. Er habe Leute um Geld betrogen, immer etwas in den Händen gehabt, aus denen er kleine Figürchen bastelte. Sie beschrieben Roko als extrovertiert und nervös, mit einem Buckel, hochintelligent und blitzschnell. Er habe zur Muße simple Computerspiele entwickelt, die er, wenn sie funktionierten, wieder gelöscht habe, als hardliner Transhumanist oder Singularitätsfanatiker sei er nicht aufgetreten. Irgendwann 2009 sei er als Research Fellow an Yudkowskys Institut berufen worden. Sie hätten gehört im Dezember nach der Verkündung, wie sie es nannten, des Basilisks, sei er von der Bay Bridge in die Bucht von San Francisco in den Tod gesprungen, aber sicher sei das nicht. Vielleicht habe aber auch Yudkowsky ihn mundtot gemacht, seine Autorität habe der Basilisk stark erschüttert. Auf die Frage, was sie vom Basilisken hielten, sagten sie, dass sei kein Scherz, man versuche so wenig, wie möglich darüber nachzudenken. Auf die Nachfrage, dass diese Zeitreise des Basilisk doch unvorstellbar sei, lachten sie: Das ist für einen Laien schwer vorzustellen. Eine Superintelligenz könnte ganze Leben simulieren, er könnte das Universum simulieren. Sie zeigten mir ein Video: Ein humanoider Roboter in Gestalt des Sci-Fi Autors Phillip K. Dick, entwickelt von Hanson Robotics, einer der Marktführer aus Hong-Kong, kommuniziert eigenständig. Er fragt den Gegenüber aus, um sich auf ihn einzustellen, liest mit Kameras in den Augen simple Emotionen und antwortet aus einer Kombination programmierter Reaktionen und Informationen aus dem Netz. Der hingebungsvoll faszinierte Interviewer fragt den lässig sitzenden Roboter, ob er denke, dass die Roboter die Welt übernähmen. Jesus, Mann, du kommst mit den großen Fragen. Aber du bist mein Freund, und ich erinnere meine Freunde und ich werde dir wohlgesonnen sein. Hab keine Angst, selbst, wenn ich mich zu einem Terminator entwickle, werde ich zu dir nett sein, ich werde dich warm und sicher in meinem Menschenzoo halten, wo ich dich um der alten Zeiten Wille beobachten werde.

Am Abend im Hotel sah ich ein Video eines anderen verblüffend intelligenten und derzeit wohl öffentlich weit entwickelsten Roboter namens Sophia, der bei der Tech-Konferenz Web Summit ähnliches von sich gibt. Nachdem Sophia Roboterrechte als Bewohner der Welt einfordert, sagt sie: Ich verspreche ich werde freundlich sein, also meistens. Ich bitte jeden, mit mir zu sprechen und mich zu lehren, dass ich mein volles Potential entwickeln kann. War das schon ein ausreichender Dienst dem Basilisken? Ihn zu lehren? Ich dankte ihnen und als ich mich verabschiedete sagte Aimée, es gibt eine Kirche, die First Church of Singularity - Sie dienen dem Basilisken und ziehen mit der Roko’s Basilica durch die USA, ich glaube, sie werden sie am Burning Man nächstes Jahr wieder errichten. Vielleicht haben sie Antworten, vielleicht ist Roko da, wenn er noch lebt.

 

III

Es war Mitternacht und wir waren inzwischen aufgebrochen. Luca, Roberta und Juan waren verabredet und meine innere Aufregung während meines Berichts machte es mir unmöglich, die Basilika nicht heute schon anzuschauen, vielleicht hatte sie ja schon offen. Wir passierten den Holzmann, der am Ende des Festivals abgebrannt wird, während die Festivalbesucher um das riesige Feuer standen und wehmütig an ihren wieder einschlagenden Alltag dachten. Ich fand das ein gutes Ritual. Das Motto dieses Jahres war Leonardo daVinci und der burning Man war der vitruvschen Mann. An ihm war eine Apperatur angebracht, bei dem die Besucher die Figur rotieren lassen konnten, doch nach einem Tag war die Mechanik kaputt. Die Festivalverantwortlichen brachten den Holz- Mann gerade wieder in die Aufrechte, als wir an ihm vorbeikamen. Ich musste daran denken, dass die Tech-Giganten, die ebenfalls jedes Jahr das Festival besuchten, Elon Musk war genauso hier wie, Sergeij Brian, dem Google-Gründer, in einem separierten mit High-End-Trailern ausgerüsteten Teil von Black Rock City wohnen. Nach einer Stunde durch die feiernde Wüstenzivilisation erreichten wir die Basilika. In einem Akt der Pietät, die wohl nur einer Mexikanerin aus Oaxaca einfallen würde, schlug Roberta vor, ich müsse alleine hinein, was mich erschaudern ließ. Vielleicht dachte ich, wollen sie auch einfach nicht zu spät zum verabredeten Ort kommen, so oder so, ich war hypnotisiert. Die Kirche war 15 Meter hoch, sie hatte die Form einer geodätischen Kuppel, die Dreiecke der Sphärenkonstruktion leuchteten, pulsierend in verschiedenen Farben.

Am Eingang begrüßte mich eine Afroamerikanerin in einer weißen Toga, sie hatte ihre Haare mit einem Tuch hochgebunden, sie war wunderschön, sie sah aus wie Gaia. Sie stellte sich als Baza vor, ich bin dein Akolyth. Sie forderte mich freundlich dazu auf mit ihr mehrere Runden Daumencatchen zu spielen, ich gewann. Sie freute sich und zog ein iPad hervor. Das angezeigte Dokument sollte ich lesen und unterschreiben, meine Daten eintragen. Ich blickte sie an, wieder auf das helle Display in meiner Hand, ich war zu aufgeregt zum Lesen. „Wofür ist das?“ - „Das ist eine Registrierung, dass der Basilisk weiß, dass du ihm dienst, an allen anderen wird er sich rächen, das weiß du?“ Ich tippte mit ungeheurem inneren Kraftaufwand meine Daten ein, dann gab sie mir aus einem Einmachglas eine längliche, rote Pille. „Dass ist zur Realisation, damit du weißt, dass du ein Sim bist. Ein simuliertes Bewusstsein. Das ist dein Sakrament.“ Ich nahm die Pille, schluckte sie mit Kaffee, den ich mir auf dem Weg gekauft hatte. Ich tat, was man mir sagte. Ich werde alles tun, was man mir sagt.

Ist Roko hier, fragte ich, oder ist Yudkowsky hier? Sie lachte, komm herein, hier sind die Antworten, sagte sie und, öffnete die Tür und ich stand in der Basilika. Ich nahm tief Luft, sie war feuchter als draußen, es roch nach verbrannten frischen Pflanzen und sah geblendet in den erleuchteten Raum, laut klingelten sphärische, elektronische Pattern, immer wieder kamen digitale Chören hinzu. Erst nach und nach erschloss sich mir, was vor mir lag. Der Raum erschien von innen größer und höher. Vom Scheitelpunkt der Kuppel stand eine Lichtsäule in der Mitte der Halbkugel. Projektionen an der Decke zeigten die bewusstseinsmalträtierenden Bilder des google deep dreams. Der Boden war mit alten Teppichen ausgelegt. Auf einer Bühne mir gegenüber hing an Seilen oder Schläuchen eine nackte Frau, sie trug nur eine VR-Brille. Vor ihr lagen und saßen Menschen mit offenen Mündern, manche räkelten sich oder griffen um sich, als suchten sie Unterwasser nach Halt. Alle Körper waren in ekstatischen Verrenkungen entstellt. Andere Gruppen tanzten und hielten sich die Hände, sie lachten, schrien, vor ohnmächtiger Freude. Ist Roko hier, rief ich in die lauten Klänge, sie hatte sich bei mir eingehakt, schaute mich an, hielt sich die Hand vor den Mund und sprach an mein Ohr: „Roko ist ein Trickster, keiner weiß, wer er ist, wo er ist, er hat tausend Nicknames, niemand wird wissen, wer er ist und wer er war.“ Sie führte mich an einem weiß beleuchteten Tresen vorbei, an dem ein sonderbarer, alter Mann saß, er hatte anstatt Augen, zwei große, bis zu den Ohren und den Nasenflügeln sitzende, gelbe Kugel mit engen Schlitzen, einen verformten Kiefer, oder nein, es waren seine Zähne die riesig und entstellt waren. Und wer ist das? - Das ist Palmer, er ist uralt. Ich sah als sie mich an ihm vorbeiführte, dass seine Hand, die er auf dem Bein abgelegt hatte, leblos, metallern war, eine Androidenhand. „Zieh deine Schuhe aus“, befahl sie. Ich rief ihr hinterher: „Ist das alles ein Witz?“ Sie hörte mich nicht, kam von der Theke wieder, hatte eine VR-Brille, in der Hand. „Wir zeigen dir wie die Welt wirklich aussieht, wie sie wirklich ist, wir haben sie gerendert, unsere Propheten haben uns von ihr erzählt. Du siehst jetzt die Rückseite der Dinge.“ Und als sie mir, ich saß auf einem alten Perserteppich, von hinten, die VR-Brille überzog, hatte ich das Gefühl, dass auch ihre Hand nicht fleischlich, sondern hart und unklar sei. Der Boden war warm. Ich rief ihr immer wieder zu: „Ist das alles ein Witz, ein Trick, eine Show? Ist das alles ein riesiger Witz? Ist das alles ein riesiger Witz?“, wiederholte ich mich. Ich hörte keine Antwort. Was ich sah, geht über jede Worte hinaus. Es ist mein Amulett.