Farbe des Alls

Elementargedicht

 

I

Da, wo man am weitesten von Festländern und Inseln entfernt ist,

zweitausendsechshundertachtundachtzig Kilometer vom nächstliegenden Land: Ducie

der von Vermessungstechnikern erst vor kurzem, nach meiner Geburt bestimmt wurde

liegt der Pol der Unzugänglichkeit

der seit Jahren, schon vor meiner Geburt, als Raumschifffriedhof, weniger im Sinne eines

klassischen Schrottplatzes, benutzt wird.

Von da unten vernahm 1997 die U.S. Navy mit einem nur scheinbar überflüssigen Lauschsystem

ursprünglich zur Auffindung sowjetischer U-Boote errichtet

ein Geräusch, ein Ton, ein Schrei über eine Minute Länge.

Als man ausgeschlossen hatte, auch mit der Hilfe einiger Doku-Teams und Hobbyisten,

die heute das Internet besudeln

dass der Verursacher

weder ein Vulkan oder ein Erdbeben oder berstendes Packeis

noch ein U-Boot oder eine Bombe,

also weder geologischen noch menschlichen Ursprungs sein konnte

kam man zur Auffassung, dass der Bloop does resemble that of a living creature

von einem sehr großen Tier ausgehen müsste, eines

das größer als alle bekannten Wale und Kalmare war

denn ähneln ist in der Wissenschaft und auch sonst ein starkes Wort

 

II

Die Steine, aus denen R’lyeh erbaut worden ist

ist nicht genau mit menschlichen Worten zu beschreiben

Die Versunkene Stadt flirrt in gelben und grauen Lehm

eine Farbe wie man sie von den Sensationen des kosmischen Gases kennt

wenn es sich am Rande der Milchstraße aus den nanometer-kleinen Teilchen,

auch wenn ihre Verteilung und ihre genaue Größe

meines Wissens unbekannt sind

erhebt, das Tierkreislicht längs der Ekliptik

in der Zone des Zodiaks

die Farbe des Alls ist weiß und blau.

Bewacht wird diese Stadt von den tiefen Wesen,

die sich nach ihren tausendjahre währenden Mutationen dorthin begeben haben

und dem untoten Gott dienen, seltsam reglose Reptilien, die nie wieder

die Wasseroberfläche durchstießen

nicht angeschwemmt wurden im Gegensatz

zu bizarren, verstörenden Gegenständen

in tragischen Zeiten: Leichen, also Menschen

andere Gegenstände unbestimmter Natur

die vielleicht von einem geheimen Außenposten berichten

die Tabus und Jade

Urlaubsfotos aus Plastik

Türschwellen und Urzeitwälder

Schlüsselwerke und Schlachtengemälde

am Ufer

manche der jungen Jägerinnen, die sich vorwagten, kamen von ihren Ausflügen ans Wasser

nicht zurück.

 

 

III

Ich bin nur ein unerfolgreicher Journalist

der seine Jahre bei seiner Tante verbringt

der den Stammbaum der Familie bis 1630 zurückverfolgen kann

und der den Hunger der niederen Arbeit vorzieht

Es war etwas geschehen in meinem vollkommen erbärmlichen Zimmer

in der Clinton Street 169, heute erste Lage
Brooklyn Heights

wo sich noch nicht Urban Outfitters neben Jemenitischen Cafés und Nagelstudios reiht

  denn der Mond erhellte das Zimmer.

I am Providence

Ich bin Vorsehung

Im Frühjahr 1924 at the edge of Redhood im Backsteinhaus

in dem möblierten Apartment, das ich bezog nur mit dem was

ich am Körper hatte: Kleidung

gab mir mein Leben keine geringste Anspielung auf die Realitäten

denen man sonst große Wichtigkeit zuschreibt: Geld und Sex

Ich hatte vierzig Pfund verloren und kaute mir ein engeres Loch

in den Gürtel, bevor ich nach Providence zurückkehrte,

in die älteste Stadt der USA

und erfüllt war, vollkommen, von Furcht

vor dem Anderen.

Und ich erinnerte mich in der hellen Nacht

wie damals in der stromlosen Zeit

ich und die Liebe saßen vor dem großen

Hundsstern und Donald Rumsfeld paraphrasierten:

We know there’s a lot we don’t know about the deep ocean

Das Weltall wackelte erratisch in uns

Ich kann den Glücksfall nicht im Aquarium züchten

nun saß ich da so scheinbar klug

Call of Cthulhu, was nur zum Thema hat

wie Unbedeutend der Mensch ist

schrieb ich wie ein Dirigent mit dürftigen Begriffen

schloss die Augen und sah in der Mitte des Bildes ineinander verkrebst

haifisch- und lindenwurmartige Mäuler, Rachen

Zahnreihen, aufgeworfene Nasen

aus denen der grüne Rotz rinnt, flossenartig.