Es war so, dass mich nur die Langeweile antrieb, die mich überkam, weil meine geliebte Begleiterin verreist war, die nebenbei gesagt die Mutter aller Junkies und Irrer ist, an deren Schulter sich jeder tatsächlich Abwegige lehnt. Es war so, dass ich gestern noch die kleine, trockene und warme Hand von Barbara Sichtermann zu fest gedrückt hatte, dass sie geknackt hatte. Und heute wollte ich ins Kaufhaus, ins Kaufhaus des Westens. Die Langeweile ist die Außenseite des unbewussten Geschehens, darum kann sie so vornehm erscheinen, aus ihrem Grau heraus hatte ich den Plan entwickelt einen ganzen Tag lang, bis in den Abend hinein, freiwilliger Ladendetektiv sein, einen Dienst leisten, das wollte ich, am großen, deutschen Basar, dem Feenpalast. Ich hatte mich gebadet und die besten, weißen Reeboks geschnürt, ich hatte ein frisches T-Shirt angezogen, einen schwarzen Kaffee getrunken und ein sehr gutaussehendes Spiegelei gegessen. Ich war aus meinem Viertel aufgebrochen, durch den Tiergarten spaziert, entlang des Zoos, von außen, auf einem im Gebüsch abgetrampelten Pfad konnte ich auf den Streichelzoo und ein Möwengehege sehen, was relativ unbefriedigend war. Ein Obdachloser hockte auf einer Lichtung in der Frühjahrssonne und bot mir eine abgenagte Möhre an. Was man nicht sieht, ist das Gorillagehege, in dem Fatou sitzt, eine Gorilla-Dame, die der älteste Gorilla der Welt ist. Was man nicht glaubt, ist, dass meine Nachbarin Frau Engel, sie ist 90, die Patin von Fatou ist und dem großen, alten Affen jede Woche eine Portion Weintrauben, eine geschnittene Ananas und eine Mango bringt. Am Donnerstag feierte Fatou ihren 61-jährigen Geburtstag mit einem Reiskuchen, hatte mir Frau Engel gesagt, die Zähne sind schlecht von der alten Gorilla-Dame, das hat sie auch gesagt. Weiße Mittelklasse-Menschen drängelten, Carbon-Kinderwägen vor sich herschiebend, in den Zoo, Kinder waren auch dabei. Ich kam in die City-West, überquerte die Hardenbergstraße, sah das Waldorf Astoria, tauschte Buchstaben bis sie sich zu A rosa Adolf fügten und dachte an den Roman, den ich vom Gründer des Stammhauses, William Waldorf Astor, mal auf einem Büchertisch in der Sonne liegen gesehen hatte. Willy Astor war der Sohn des damals reichsten Immobilien-Tycoons New Yorks, John Jacob Astor III. Sein Buch, Valentino, war eine Historien-Klamotte, die im Renaissance-Italien spielte, ich setzte mich auf die Treppen vor dem Hotel und rief die Google Books Preview auf: In Rome, on a crisp December morning in the Year 1501, Monsignor Roccamura, Govener-General and Prelate of the Castle of St. Angelo, stood at the rampart of that fortress… - Hier bitte nicht sitzen, verscheuchte mich der Portier. Ich stand auf und entschuldigte mich. Google Translate: Crisp heißt knackig. Ein knackiger Dezember-Morgen, eine ziemlich internationale Morgenbeschreibung war das, knackig konnte er in New York sein, in London, in Berlin und in Waldorf in Baden. Wahrscheinlich überall dort, wo der Dezembermorgen knackig sein konnte, steht heute ein Waldorf Astoria, dachte ich. Wikipedia: Der mondäne William Waldorf Astoria nutzte seinen großen Reichtum für die Vollblutzucht, also Pferde, und wohltätige Zwecke. Zur Linken zieht der Zoopalast vorbei, das UFA-Lichtspielhaus, das schon 1913 zur Aufführung von Quo Vadis?, dem erste Monumentalfilm und eine ebenfalls in Italien spielende Klamotte, mit einem Bildwerferraum ausgestattet wurde. Metropolis wurde hier uraufgeführt und letztens auch Fifty Shades of Grey. Dann über den Breitscheidplatz, entlang der Friedhofskerzen und des Blumenmeers, im Gedenken der Toten des Anschlags im Winter auf dem Weihnachtsmarkt. Ich stellte mich auf den Platz vor dem Europacenter, in dem, so hatte es mir meine Begleiterin erzählt, die aus der Stadt stammte, aber, wie gesagt, verreist war, ein legendärer Waffenladen existiere. Ich setzte mich wieder, diesmal an den Rand des Brunnens, der aus einer Phantasie Hieronymus Boschs entstammen könnte und las. Auf dem Dach, im klaren Morgenhimmel, drehte sich der drei Tonnen schwere Mercedes-Stern, den Willy Brandt am 02.April 1965 eingeweiht hatte. www.europa-center-berlin.de/pw-store: In unserem neuen Flagship-Store bieten wir unseren Kunden kompetente Beratung rund um das Thema freie Waffen, Stahlwaren, Outdoor und hochwertige Schneidwaren der Firmen WMF und Wüsthof. Besonderes Interesse zeigen unsere Kunden an Schießsportartikeln, die allesamt waffenscheinfrei zu erwerben sind. Trendprodukte wie Paintball und Airsoft sind nicht nur bei Jugendlichen beliebt, die Spaß am Schießsport haben. Aber auch der Sportschütze kommt nicht zu kurz; von der preiswerten Luftpistole bis zum eleganten Luftgewehr mit Zielfernrohr findet jeder Kunde das passende Produkt. Sammler von Schwertern, Dolchen und Messern finden bei uns das passende Dekostück bzw. Accessoire. Selbstschutzprodukte gewinnen in der heutigen Zeit zunehmend an Bedeutung. Bei PW Store finden unsere Kunden fast alle Artikel, die helfen, sich sicher zu fühlen. Dazu gehört unter anderem Pfefferspray zur Abwehr von Tieren.

 

Nun noch die Tauentzienstraße herunter, auf dem Mittelstreifen, unter dem chromnickelstählernen Spaghetti-Monster vom Ehepaar Matschinsky-Denninghof (Dauerleihgabe der Deutschen Bank AG anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt) mit dem Titel Berlin hindurch. Und schon war ich da, Wittenbergplatz, das Telefon sagte 9.54, noch 6 Minuten bis zur Öffnung, eine schnelle Zigarette, in Anzügen gesteckte Sicherheitsmenschen schließen am Boden der Glastür das größte Warenhaus Kontinentaleuropas auf, und ich fließe hinein im Strom ungeduldig wartender Touristen. Und als erstes: Die Spiegel! Das Glas! Der Stahl! Das KaDeWe ist ja so groß, dass man gar nicht weiß, wo man mit sich hinsoll, gerade, wenn man zehn Stunden hier verbringen will. Unser Menschenschwarm löst sich auf, das Organische erobert die Räume. Handtaschen begrüßten mich, Gäste redeten in allen Sprachen, eine Plexiglas-Pflanzen-Installation hing von der Decke, darunter stand und auf der gegenüberliegenden Wand, und ja auch mit schwarzer Folie auf den Marmor des altehrwürdigen Bodens geklebt, A Good Life. Die Parfümfrauen, eigentlich überall und immer bereit den Besucher mit neuen Duftkreationen anzuspritzen, waren noch müde, ihre Fingernägel lang und aus Plastik. Ich bekam plötzlich Druck auf den Ohren, als sei ich unter Wasser getaucht. Weiter. Die Beautyabteilung umgaben einzelne, man könnte sagen Boutiquen, die die Gemütlichkeit und Exklusivität des Einzelhandels simulieren möchten. Gucci, Prada, Bottega Veneta, Chanel hielten die Schaufensterkunst hoch, Verkäufer in eng geschnittenen Anzügen und glänzenden Schuhen beugten sich über ihre verglasten Theken und telefonierten, während sie in großformatige Ledermappen kritzelten, vielleicht bestellten sie Waren oder prüften Bestände. Ich dachte, hier lebte der Geist der Sorglosigkeit der wilhelminischen Elite, für die das Warenhaus Jandorf & Co einst eröffnet hatte. Der Architekt Johann Schaudt, der auch das Hamburger Denkmal für Bismarck verantwortet, auf dessen Kopf heute ein Steinbock sitzt, ich glaube zur Entmystifizierung, hatte das Gebäude mit Moaholz aus Australien verkleiden, die Stahlträger mit Muschelkalkstein ummanteln lassen, Kohlfadenlampen installiert, um der Ansprüche der 1% gerecht zu werden. Doch, die Befürchtungen der Berliner Linken der 00er Jahre bewahrheiten sich nicht, das Kaufhaus wurde zum Piloten des Demokratischen, jeder kam hinein, und jeder begegnete jedem, man ging umher, fuhr Aufzug, las das erste Mal Bücher Probe, sah sich allerlei Exotica an und vielleicht kaufte man etwas.

Der Kaiser und sein Uniformtick ließ auf sich warten, er kam erst 1910, im Gegensatz zum Rama V. von Siam, dem großen und gerechten Chulalongkorn, der sich im Eröffnungsjahr 1907 zwei Tage einkleiden ließ. Heute gehört das Haus wieder Thailand, der Familie Chirathivat und ihrer Central Group. Als ich deren Internetseite besuchte, wurde eine Seite vorgeschaltet, auf der man dem gerade verstorbenen Bhumibol dem Großen Kondolenz erweisen durfte.

Im Louis Vuitton Store kaufte schon jemand eine Reisetasche und versuchte seine Vorfreude oder die Ratlosigkeit, wofür er gerade so viel Geld ausgegeben hatte, durch gefasste Miene eines professionellen, international geschulten Shopping-Menschen zu unterdrücken, Katy Perry schrie aus den Boxen. Ich schloss die Augen, lauschte den vielen Sprachen, dem Piepsen der Kassen, den klackernden Absätzen und dachte für einen kurzen Moment, ich sei am Flughafen Bangkok, an dem ich mal nach einem unerträglichen Tag 12 Stunden geschlafen hatte. Ich schloss die Kopfhörer mit dem Mikrofon an mein Telefon, tat so, als würde ich telefonieren und begann alles aufzuzeichnen: Ich grüßte die jungen Jeans-Männer, Großraumdiskohelden, die über dem Werbe-Tablet des von ihnen selbst beworbenen TESLA-Elektroautos staunten und fuhr mit Rolltreppe in den ersten Stock.

Hier war die Herren-Bekleidungsabteilung, auf einer Glas-Stahl-Anrichte, in absonderlicher futuristischer Hässlichkeit waren hunderte Sneakers beleuchtet. Das Nebeneinander, das war ja das zutiefst demokratisch-utopische am Warenhaus, urban-trap-klingel-Japan-New-York-Musik lief hier, nein, das war nicht schön, argwöhnisch wurde ich von einer dicken Frau beobachtet, ich begutachtete beschämt einen Schuh und ging weiter. Deutlich mehr Frauen kauften in der Herrenabteilung ein, ich grüßte die Verkäufer, über volle Kleiderstangen hinweg unterhielten sie sich, viel war noch nicht los, von den täglich 50.000 Besuchern nichts zu sehen. Auf dem Weg in den zweiten Stock kam ich bei Ralph Lauren vorbei, die ihr Herrschaftsambiente auch nicht ändern, was ist das an Ralph Lauren, das alle Zeiten überdauert, fragte ich mich, immer die gleichen billig-massiven Kolonialmöbelnachbauten, die schon speckig sind von den Händen aller Klassen und Herkünfte. Sogar in die Cloud-Rap-Szene war die Marke mit Kappen und Anglerhüten wieder eingegangen. Eine Hose war aufgerissen und mit brauner Synthetik-Erde beschmutzt, 199,90€. Ich verbrachte einige Zeit hier und in der zweiten Etage, der Damenbekleidung, damit, Kunden zu verfolgen, aber alle verhielten sich vorbildlich, hingen nicht passende Kleidung zurück oder hoben heruntergefallene Kleiderbügel wieder auf. Überall standen Pflanzen rum, vor allem Farne, viele Wänden waren floral bemalt, sogar Palmen hatte man aufgestellt, künstliche Ranken hingen von der Decke, sie sahen aus wie Algen. Sogar eine Hutabteilung in Neo-Art-déco-Stil gab es, eine Rudolf-Bell-Skulptur stand dort, aber die Legierung brach an den Nähten auf. Grauhaarige Damen oder blondgefärbt, Kulturtanten, die einfach Wert auf Qualität legen, und mit neuen Stofftaschentüchern zu Tillmann-Ramstedt-Lesungen gehen, flanierten lässig auf und ab, in der Sonnenbrillenabteilung ließ ein altes Ehepärchen eine Brille fallen. Ich fand eine Marke namens Zadig & Voltaire, junge, provinzielle Damenmode, auf den Printshirts ein Zitat von Voltaire: The most important decision you will ever make is to be in a good mood.

Ein durchtrainierter junger Mann, auf seinem Rücken in College-Lettern Gym-Junkie, wackelte an mir vorbei, er konnte vor Muskeln nicht mehr richtig gehen, obwohl er erst 24 war; ein russisches Einwanderpärchen kleidete sich neu ein. Ich hatte Hunger und nahm den Aufzug in die Feinschmeckeretage, die größte der Welt. Im Aufzug musste ich an Tomaten denken. Tietz, der zweite Inhaber und Betreiber in den 20er-Jahren, hatte die Tomate nach Deutschland gebracht. Jeden Freitagmorgen erschienen in der Berliner Tageszeitung seine Lebensmittelinserate, sie waren preisregulierend für den gesamten Berliner Einzelhandel. Das nasse Fruchtfleisch, das strahlende rot, der unerwartete Geschmack, ließ das Berliner Publikum erschrecken, aber Tietz bot ein Kilo für zehn Pfennig an, man kaufte es schon, ein neues Volksnahrungsmittel war geboren. Auch das deutsche Ei war eine Erfolgsstory made by KaDeWe. Ich fummelte in meiner Foto-Bibliothek rum, eine fünfköpfige Gruppe Ostasiaten mit Regenschirmen stiegen von der vierten Etage, den Haushaltswaren, hinzu, bis ich das Foto einer KaDeWe Festschrift aus dem Jahr 1932 gefunden hatte: Es ist ein Verdienst der Warenhäuser, russische und chinesische Eier und gefrorenes russisches Geflügel in Deutschland eingeführt zu haben. Ein Verdienst deshalb, weil insbesondere die Auslandseier nicht etwa den Konsum an deutschen Eiern vermindert haben, sondern weil sie es weiteren Volksschichten, die das deutsche Ei noch nicht bezahlen können, ermöglichten, billige Eier zu beziehen und sie dadurch überhaupt erst in die Lage versetzten, ihre Nahrung durch Eierzusatz zu verbessern. Diejenigen Volksschichten, die heute die billigen Auslandseier kaufen, weil sie andere nicht bezahlen können, werden bei Besserung der Konjunktur oder bei Steigerungsmöglichkeit für die Lebenshaltung der einzelnen Familien Bezieher für deutsche Eier werden. Das Ausland erst hat die deutschen „Farmen“ dazu erzogen, Eier in rationeller Produktion an den Markt zu bringen. Dadurch wurde erreicht, daß die inländischen Eier, das Auslandsei zu verdrängen beginnen. Alles ein volkswirtschaftliches Verdienst der Warenhäuser.

Im 6. Stockwerk stieg ich aus, aber entgegen meiner Erwartung sah ich keine überlaufenden Speisetheken, sondern stand direkt vor dem Kundenservice, diese Chance wollte ich nutzen. Ich ging auf einen der einzelnen Tische mit Kundenberatern zu. Eine Frau in schwarzem Anzug zog die Augenbrauen hoch.

-Moment, ich muss dich kurz unterbrechen. (Ich tat ja so, als würde ich telefonieren) Ich würde gerne den Ladendetektiv kennenlernen.

-Das ist wahrscheinlich nicht möglich.

-Was muss ich tun?

-Sind Sie von der Presse?

-Nein, ich bin ebenfalls Detektiv.

-Das ist schön… Um in die Sicherheitsabteilung zu kommen, müssen Sie sich akkreditieren, sind Sie akkreditiert? Sie müssen sich vorher anmelden, verstehen Sie?

-Ja, ich verstehe, nein, das bin ich nicht.

-Dann kann ich wahrscheinlich da leider nichts machen.

Es war nichts zu machen, ich konnte nicht helfen. Also ging  ich in die Feinkostabteilung, schlenderte die langen Fischtheken entlang, Seebrassen, Red Snapper, Seeforellen, Zander, Lachse, Haiflossen und andere Ungeheuer, alle Meerestiere unseres Planeten, sogar ein Wolfsbarsch und hier beschlich mich wieder die sonderbare Idee, klarer und unangenehmer jetzt in Form einer diffusen Überzeugung, dass ich mich eigentlich in einem Aquarium befand. Aber erst will ich noch etwas zum Wolf schreiben: Schon im März 1933 luden die Dresdner Bank, die Deutsche Bank und die Commerzbank die Familienmitglieder Tietz ins Adlon ein, Beamte des Reichswirtschaftsministerium nahmen ihnen die Pässe ab und die staatlichen Banken zwangen die Tietzens zum Rücktritt und lächerlichen Verkauf ihres Kaufhausimperiums. Der Judenboykott am 01. April 1933 betraf auch das KaDeWe, das von da an unter dem Slogan KAuftDEutscheWErtarbeit firmierte.

Nach der Austerntheke, die, obwohl es erst 12.30 war, schon gut besucht vom alten Charlottenburger Bürgeradel und saudi-arabischen Touristen, kam die Obstabteilung. Ich trank einen Fruchtsaft und aß einen kalten Obstsalat, zusammen bezahlte ich dafür 8 Euro, was ich als einen angemessenen Preis, insbesondere in Anbetracht der Papaya, empfand. Ich musste wieder an Fatou, den Affen, denken und Frau Engel. Ich las einen Artikel des Rundfunk Berlin Brandenburgs, während ich die letzten Schlücke Banane-Orange-Spinat-Saft trank:

Pfleger beschreiben die greise Dame als friedlich und freundlich. Die meiste Zeit sitze sie in Holzwolle eingemummelt in ihrem Gehege und betrachte den Lauf der Dinge.

Plötzlich hatte ich große Angst, dass Fatou sterben könnte und es war klar, dass dann auch Frau Engel starb, und traurig imaginierte ich mir neue Nachbarn, vielleicht ja ein südamerikanisches Ehepärchen mit einem kleinen Kind, dachte ich. Erst der Bauchschmerz riss mich aus der Melancholie, ich hatte die gesammelten Früchte zu schnell gegessen. Ich suchte die Raucherlounge auf, ein kleiner schmutziger Innenhof zwischen Feuerwehrleiter und Lüftungssystem mit einem erbärmlichen Aluminium-Stehtisch, in den 80ern hatte man auf die Wände großformatig das Nikolaiviertel, das Brandenburger Tor und das Schloss gemalt, die Bilder sahen aber aus wie ein Terrakotta-Diorama des Comer Sees in einem schlechten italienischen Restaurant in Koblenz.

Was mich noch weiter entrückte, war die Tatsache, dass die Raucher oder wer auch immer, auf die Beton-Platten, in denen kleine Kiesel eingegossen waren, große Kieselsteine zu Steinmännchen aufeinandergestapelt hatten, wie man sie in unübersichtlichem Gelände, in Gebirgen, Steppen oder Wüsten, entlang der Wege zur Orientierung findet oder auf Hügelgräbern. Ich musste daran denken, dass so wie die Fische den Wasserdruck, wir die Luftsäule, die auf uns drückt, nicht spüren. Ich spazierte mir die Bauchschmerzen weg, sah eine britische Touristin, die Serrano für ein Picknick frisch vom Bein des toten Schweines haben wollte, dann aber angeekelt dem weißgeschürzten Metzger zusah, wie er erst eine lange, weiße Sehne herausoperierte. Ich fuhr die Rolltreppe hinab in das fünfte Geschoss, in die Entertainmentabteilung. Ich schaute mich in der Elektroabteilung um, stellte fest, dass es keine Computerspiele gab, stellte fest, dass ein 24 Karat vergoldetes iPhone sehr teuer (6990€) ist und stellte fest, dass man sich nicht, wie in den Malls mitteldeutscher Städte, vor riesige Flat-Screens neben alte Serben setzen konnte. Bei Hugendubel nahm ich mir aus den Manga-Abteilung eine Ausgabe des von meinem kindlichen Ich heißgeliebten Conan, der Detektiv, setzte mich vor die Musikerbiographien in einen roten Lederimitatsessel, blätterte von rechts nach links, las von unten nach oben, wurde müde und legte das Buch zur Seite und schlief ein.

Eine halbe Stunde hatte ich geschlafen und sprach noch aufwachend in meine iPhone-Kopfhörer, die mich nach wie vor aufnahmen: Die Kammer- und Schachtelwut. Alles kam in Etuis, wurde verschalt und verschlossen. Uhrhalter, Pantoffeletuis, Thermometerständer, alles … Was es genau, damit auf sich hatte erinnere ich nicht, ich weiß nur, wie ich hochschreckte, als ich sah, dass der Comic, Conan, verschwunden war. Ich fühlte mich beobachtet von den Verkäufern, sah jetzt erst die unzähligen Sicherheitskameras, die mich sahen, sah die Ladendetektive, die nicht inkognito umherliefen, sondern mich hinter riesigen grünstichigen Bildschirmwänden seit Stunden verfolgten. Sie machten sich über mich lustig, während sie die Kaffeetassen mit Skyline-Prints auf die weißen Bürotische zwischen Telefone und Tischmikrofonen stellte, wie ich desorientiert und in abrupten Bewegungen die Bücherwelt verließ, die erste Rolltreppe nahm, die ich sah, hinab. Sie hatten mir einen Namen gegeben, Mecki, oder vielleicht sogar war ich nur ein Adjektiv. Während sie sich die weißen Ärmel ihrer Uniformen hochkrempelten, der eine hatte seine Kippenpause verschoben um mich noch eine Weile zu beobachten, hatten sie gesagt: Der ist nicht astrein. Ich war zum Verdächtigen mutiert.

Das vierte Geschoss, die Haushaltswaren- und Interieurabteilung war auch im Motto A Good Life gehalten, Schlingpflanzen kletterten die Regale mit Salatschüsseln hoch, sonderbare Glaskugeln waren in einer plexigläsernen Installation ausgestellt. In dicken Gläsern verschiedener Größen hatte man Pflanzenlandschaften gezüchtet, ich trat heran. Kleine Tierfigürchen zierten Miniaturlandschaften des Urwalds, durch den Verzerreffekt des dicken Glases wirkten die Biosphären als schaue ich durch ein Fischaugenobjektiv. Dschungelgeräusche drangen durch die Kulisse, das Zittern einer Schlange, der Schrei eines Tropenvogels, Phrasen von Jungle-Beats. Ich weiß nicht, wie lange ich mich dort aufhielt: Ich versank in die Welt, stand regungslos da, versteckte mich vor einem archaischen, nackten Jäger, ich hielt den Atem an, um die Geräusche des Waldes zu hören unter freiem Himmel, sah die Millionen Blätter, die Säfte, die stockten, das kitzelnde giftige Gestrüpp, ich ging über Moos, behutsam mit nackten Füßen und tauchte ein in das stille Wasser, schwamm tiefer und spürte wie sich mein Hals öffnete, bemerkte, wie sich die Stummheit der Tiefe öffnen, ich hörte die Chöre und uralten Gesänge der Meeresbewohner.

Irgendwann erwachte ich oder das Erinnern begann in der gegenwärtigen, unterwassernen Wachwelt, im Aquarium der Ferne und Vergangenheit, irgendwo in den Schichten der Geschichte.

Im Autopiloten, im Traum, ich weiß es nicht, fuhr ich wieder in die Spielzeugabteilung, ich sah mich in der Spiegelung auf der Rolltreppe, ohne Kraftaufwand schwebte ich zur nächsten Etage, es war mir, als sei meine Sensorik elektromagnetisch, ich spürte das geladene Feld der Fleece-Kuscheltiere, das hochaktive LEGO, ich glitt durch die bunten Regale in Richtung größtmöglicher Entladung.

Ich fand mich in einem abgetrennten Raum mit verglasten Schaufenstern mehrerer Ebenen bis unter die Decke wieder. Die Musik hörte sich an wie aus einem Windkraftwerk-Werbespot. Plötzlich kam ich zur Ruhe, Züge standen da und Autos, Bäume und Gelände, es war der Märklin-Sonderbereich. Bahnsteige konnte man kaufen (49,99€), den Bahnhof Gunzen (29,99€), einen Blumenladen (24,99€), Solarpanels für das Dach (9,99€) oder direkt einen ganzen Solarpark (25,99€), den Checkpoint Charlie (15,99€), ein Kürbisfeld (7,99€) oder ein Kohl und Salat-Feld (9,99€), Hochfichten oder Kiefern (jeweils zwei zu 12,99€), sogar ein Feld, auf dem Aliens Kornkreise gezogen hatten (5€). Bergmassive konnte man erschaffen mit Geländebaumörtel (1 Kilo für 9,49€). Die Frau eines hämisch lachenden Anzugträgers in einer Landschaft getrockneter Korallen fiel hin, es war mit Schadenfreude, 23,99€ betitelt. Drei rauchende Bahnarbeiter blickten gelangweilt aus ihrer Welt in meine, Ernste Lage, 33,99€. Vor einem Porsche Oldtimer (15,99€) mir zugewandt standen die Kanzler Kohl, Brandt und Schmidt (je 20,99€) und blickten mich an. Sie wussten nicht, dass ich sie sah.

Ich fotografierte Mini-Kohl und schickte es meinem Freund, dem hervorragenden Schriftsteller und ausgewiesenen Kohl-Experten Pascal Richmann, der zu der Zeit in Schöneberg wohnte.

Ich schrieb: bitte hol mich ab, ich dreh am rad.

Er antwortete sofort: oh mein gott, ca 1 stunde, noch duschen

Die Aussicht auf Besuch besserte meine Situation ungemein, es war schon sechs, noch eine Stunde. Ich begann mich wieder zu bewegen und marschierte mir ein zweites Mal an diesem Tag die Sorgen fort.

Dann passierten folgende Dinge:

Ich wohnte der ohrenbetäubenden Vorführung eines Multi-Media-Systems durch einen X-Men-Trailer bei.

 

Auf dem Büchertisch Unsere Klassiker bei Hugendubel tänzelte mein Hirn zum psychedelischen Crescendo: Stefan Zweig - Siegfried Lenz - André Heller - Juli Zeh

 

Ich sah die Männer der Bevölkerungskohorte Generation X sich über Pfannen und Messer informieren, die handgeschmiedeten Messer aus Tirol sind die schärfsten, die Pfannen mit rapid-heat-control-Griff die heißesten.

 

Ich drehte einen pinken Globus für Mädchen, im arktischen Packeis schwamm ein Narwal, der aussah wie das Magical Unicorn. Im hellblauen Globus für jene, die zum Mann werden sollten, schwamm dort ein Tentakel-Seeungeheuer.

 

Ich schrieb in vier Taschenbuchausgaben von Vonne Endlichkait vom Schwanensänger Günther Grass meine zu seinem Tode erdachte und nie gedruckte Headline: Der Butt ist auf Land gegangen.

 

Ich saß im Bierlokal der obersten Etage neben einem 40-jährigen Afterwork-Beer-Typen mit Sommerschal und versuchte vergeblich, Blickkontakt aufzubauen. Auf seinem neonroten Rucksack stand: Strictly prohibited to place any luggage in front of this bag, was ich bis heute versuche zu verstehen. Ein wenig später setzte sich ein riesiger, massiger, nervös schwitzender Italiener neben mich, er trank eine Coke Zero, ich verabschiedete mich mit Arrivederci, wofür ich mich noch immer schäme.

 

Ich verstand das Küchenkonzept Plastik - Gummi - Edelstahl.

 

Ich blickte hinunter in den Lichthof und dachte an den britischen Piloten, der mit seinem Flugzeug ins Kaufhaus gestürzt war, was das Ende seines Lebens und des Gebäudes bedeutet hatte. Ich dachte an Trümmerfrauen, sah den Revolutionär Wladimir Majakowski Nylonstrümpfe kaufen, dachte an Steckrüben und Porzellan, Mikroskope und Hilfsöfen, an Radios, Lampen, Geschirr, sah Kinder im Frisiersalon, die Jungen auf hölzernen Raketen, die Mädchen auf Pferden sitzen. Ich verstand das ewige Nebeneinander zwischen Organischem und Unorganischem. Ich dachte daran, dass die Architektur einst schlafen ging, dass sie in der Nacht verschwunden war und nicht mehr sprach.

 

Um kurz nach Sieben traf ich Pascal und seine kongeniale Freundin Enis Maci, die auch etwas zu feiern hatte, in der Sektabteilung. Wir kauften einen Riesling-Sekt und ich zeigte ihnen mein KaDeWe. Wir setzten uns in den Raucherbereich, in das Diorama des Nikolaiviertels hinein und tranken, ich musste erst das Sprechen wieder lernen, der Sekt half, bis uns die Sicherheitsmenschen vertrieben. Wir kauften uns den kleinen Märklin-Kornkreis-Teppich, ein paar Harzer Landwürste und noch eine Flasche Sekt. Das abendliche berliner Licht traf mich und mir war, als sei ich gerade aufgewacht. Dann schlenderten wir zum DIN-Platz, setzten uns vor die große Normbehörde und aßen und tranken und lachten und sprachen. Einen ganzen Abend lang.